Notas semi-periodísticas sobre política costarricense, desde Alemania
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Quasi-journalistische Beiträge über costa-ricanische Politik, aus Deutschland
Weitere Beiträge sind in der Kurznachrichten Sektion des Zeitschrift Lateinamerika Nachrichten
Nummer 618 - Dezember 2025
Zwischen Populismus, Sicherheit und politischer Gewalt im costa-ricanischen Vorwahlkampf
Costa Rica steht vor einem Wahlkampf voller Unsicherheit. Zwar zeigen die öffentlichen Finanzen erste Anzeichen von Erholung, doch bleibt der Wohlstand höchst ungleich verteilt. Investitionen ins öffentliche Gesundheitswesen wurden gestoppt, obwohl der Bau dringend benötigter Krankenhäuser endlich voranzukommen scheint. Das öffentliche Bildungssystem befindet sich im freien Fall und über die tatsächlichen administrativen Kapazitäten der Bildungsverwaltung ist wenig bekannt. Trotz gestiegener Haushaltsmittel und eines offensichtlichen sozialen Missstandes, besteht die sicherheitspolitische Strategie der Regierung darin, Ausbildungszentren zu schließen und Polizeieinheiten in weniger relevante Aufgabenbereiche zu versetzen. Vor diesem Hintergrund berief das Oberste Wahlgericht am 1. Oktober offiziell 20 Personen ein, die die formalen Voraussetzungen für eine Präsidentschaftskandidatur erfüllen. Rund um diesen Akt überschwemmten Anschuldigungen, Ermittlungen und Desinformationskampagnen die Bildschirme der Costa-Ricaner*innen – die Wahl selbst erweist sich damit schon jetzt als Belastungsprobe für die demokratischen Institutionen des Landes, wie diese Analyse zeigt.
Die idealisierte costa-ricanische Selbstwahrnehmung einer egalitären Gesellschaft hat ihre historische Kraft verloren und den wahren sozialpolitischen Zustand des Landes offengelegt: rapide steigende Lebenshaltungskosten, ein Gesundheitswesen in akuter Not und ein Bildungssystem, das von Generation zu Generation im regionalen wie globalen Vergleich weiter abrutscht. Zudem wächst im Land das Gefühl einer systemischen Ungerechtigkeit, denn obwohl sich die Wirtschaftslage zu verbessern scheint, wächst die Einkommens- und Vermögensungleichheit.
Präsident Rodrigo Chaves hat im Verlauf des Jahres seinen Regierungsposten genutzt, um Unwahrheiten, Halbwahrheiten und aus dem Kontext gerissene Informationen zu verbreiten. Oppositionsabgeordnete werfen ihm vor, weiter „Brücken zu sprengen“ – also Kommunikations- und Verhandlungskanäle zu zerstören – und die Ressourcen des Präsidentenamtes für „billige politische Propaganda“ zu missbrauchen.
Diese Kritik fällt in eine Zeit, in der die Regierung die Haushaltsmittel für Schulen und das System der Primärversorgung drastisch gekürzt hat. Die Abgeordnete Sonia Rojas von der Mitte-Rechts-Partei PLN kritisierte etwa, dass das Stipendienprogramm für Grund- und Sekundarschüler*innen zwischen 2021 und 2024 um fast 100.000 Stipendien geschrumpft sei. Entsprechend wenig überraschend ist der Befund der Opposition: Die Einkommensungleichheit hat nicht ab-, sondern zugenommen – selbst nach Steuern und Sozialabgaben, wie der Gini-Koeffizient (wirtschaftlicher Indikator für die Ungleichheit eines Landes, Anm. d. Red.) zeigt.
Hinzu kommt eine erschütternde Welle von Gewaltverbrechen, ausgelöst durch die Überschneidung geopolitischer und wirtschaftlicher Faktoren. Costa Rica ist zunehmend ein Knotenpunkt des regionalen Drogenhandels – mit verheerenden Folgen: 2023 verzeichnete das Land die höchste Mordrate seiner Geschichte, gefolgt von 2024. Auch 2025 scheint sich der Trend fortzusetzen: Bis Anfang Oktober gab es über 700 Fälle und Prognosen gehen von bis zu 900 Morden im Jahresverlauf aus.
Die Regierung reagierte bislang kaum. Präsident Chaves kommentiert lapidar, das Land erlebe „einen Krieg zwischen bewaffneten Banden, die sich gegenseitig töten“. Tatsächlich hat seine Administration die Überwachung der Küstengebiete geschwächt und sich über weite Teile des Jahres geweigert, Sonderbudgets für die öffentliche Sicherheit freizugeben.
Wahlkampf und politische Angebote
Das Oberste Wahlgericht (TSE) hat offiziell den Wahlkampf für die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 1. Februar 2026 eröffnet. Das Wählerverzeichnis umfasst 3,7 Millionen Bürger*innen. Doch laut der jüngsten Umfrage des Forschungszentrums CIEP der Universität Costa Rica (UCR) verfügen 70 Prozent der Befragten weder über politische Bindung noch zeigen sie Sympathie für irgendeine Partei. 20 Parteien wurden offiziell zugelassen – das verhindert praktisch einen Sieg in der ersten Runde. Rund 26 Prozent der Befragten geben zudem an, „überhaupt kein Interesse“ am Wahlprozess zu haben. Ein Monat zuvor hatte das CIEP zudem erwiesen, dass knapp 20 Prozent der Befragten „überhaupt nicht“ wählen gehen würden.
Als Beweis dieser Symptome hatte sich das Regierungsbündnis von Rodrigo Chaves kurz nach seinem Amtsantritt aufgelöst. Die Partei, die ihn in sein Amt gebracht hat, existiert nur formal, denn sie ist programmatisch untrennbar von der Opposition. Chaves politische Nachfolgerin Laura Fernández, vom Umfeld des Präsidenten ausgewählt, gründete eine neue Koalition aus fünf Parteien – von der inzwischen nur noch zwei übrig sind.
Außer Fernández stehen noch Álvaro Ramos von der PLN und Ariel Robles vom Linksbündnis Frente Amplio in der Öffentlichkeit als potenzielle Konkurrenz. Die beiden landen aber laut den jüngsten Umfragen jeweils unter 10 Prozent. Was in den Hintergrund rückt: Ideologische Positionen werden wenig diskutiert, denn die Top drei Parteien stehen für völlig unterschiedlich staatliche Einstellungen.
Parteiflut und politische Apathie
Bemerkenswert: Laut CIEP beklagen 45 Prozent der Befragten, dass es „zu viele Parteien“ gebe, während über 20 Prozent die Vielzahl schlicht gleichgültig lässt. Die wachsende Parteiflut spiegelt somit eher politische Apathie als demokratische Vielfalt wider. Der CIEP-Bericht spricht von einer „Normalisierung politischer Fragmentierung“. Doch die Realität zeigt: Hinter den Parteilabels stehen kaum differenzierte Programme – vielmehr dienen sie als Vehikel für politische Karrieren. Das Beispiel von Chaves und seiner Nachfolgerin Fernández illustriert das deutlich. Der in costa-ricanischem Kontext bekannte Spruch verwirklicht sich: Taxi-Parteien seien die herrschende parteipolitische Normalität (Taxi-Parteien haben keine klare Ideologie, sie dienen in erster Linie dazu , bestimmte Personen an die Macht zu bringen, Anm. d. Red.).
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (rund 55 Prozent) weiß laut CIEP-Umfrage noch nicht, wem sie ihre Stimme geben wird. Traditionell zeigt sich in Costa Rica zudem ein bekannter Trend: das „Stimmenbrechen“ – also die Wahl unterschiedlicher Parteien auf Präsidial- und Parlamentsebene. Die Vielzahl ähnlicher Parteinamen und -farben macht diese Entscheidung zusätzlich unübersichtlich.
Desinformation und andere politische Probleme
Zu den strukturellen Herausforderungen kommt eine juristisch-administrative Krise hinzu. Zum ersten Mal in der Geschichte der Zweiten Republik wurde gegen einen amtierenden Präsidenten ein Verfahren zum Entzug der Immunität eingeleitet – wegen mutmaßlicher Korruptionsdelikte auf mehreren Ebenen. Zwar stimmte das Parlament mehrheitlich zugunsten von Chaves, doch die Ermittlungen sind lediglich vertagt, nicht aufgehoben. Plan des Regierungsapparates sei, den Präsidenten noch nach seiner Amtszeit wieder als Minister anzustellen, sodass jegliche Vorwürfe noch länger abgehalten werden müssen.
Der Präsident nutzte den Vorgang geschickt, um sich als Opfer einer „politischen Verfolgung“ zu inszenieren. In seinen regelmäßigen Pressekonferenzen attackiert er seither die Opposition, kritische Medien und sogar das Wahlgericht TSE – eine der stabilsten Institutionen Lateinamerikas. Die daraus entstandene Welle von Memes und Online-Kampagnen gegen das TSE zwang die Behörde, ein Verfahren wegen „politischer Agitation im Amt“ einzuleiten. Insgesamt zählt das Gericht mittlerweile 15 potenzielle Verstöße und beantragte im Parlament erneut die Aufhebung der Immunität des Präsidenten. Die stellvertretende Kongresspräsidentin Vanessa de Paul Castro Mora, Mitglied der Mitte-Rechts-Partei PUSC, forderte eine zügige Verhandlung noch vor Jahresende – ein Vorhaben, das angesichts der politischen Spannungen allerdings kaum Aussicht auf Erfolg hat.
Gleichzeitig erschüttert ein weiterer Skandal die politische Landschaft: Ein ehemaliger Sicherheitsminister – zugleich früherer Leiter mehrerer Strafverfolgungsbehörden – steht wegen mutmaßlicher Verbindungen zum Drogenhandel vor Gericht und soll an die USA ausgeliefert werden. Er selbst spricht von kriminellen Netzwerken in den Reihen des Staates.
Wie auch immer die Prozesse ausgehen – sie werden die politische Zukunft Costa Ricas nachhaltig prägen. Präsident Chaves wird die verbleibenden Monate seiner Amtszeit wohl weiterhin dazu nutzen, Institutionen und Kritiker*innen öffentlich anzugreifen. Die kommenden Monate könnten zum Prüfstein werden: Besteht Costa Ricas demokratische Identität diese Bewährungsprobe oder zeigen sich die einst tiefen Wurzeln der Demokratie bereits brüchig?
Nummer 621 - März 2026
Costa Rica nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen
Am 1. Februar 2026 fanden in Costa Rica Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt. In den Wochen zuvor deuteten Meinungsumfragen darauf hin, dass die Regierungspartei die Wahlen gewinnen würde – und zwar deutlich. Die einzige offene Frage betraf die Zusammensetzung der zukünftigen Parlamentsfraktion, die die politische Bewegung der Regierungspartei vertreten würde. Die Wahlergebnisse bestätigten schließlich die Vermutungen: Laura Fernández Delgado wurde mit mehr als 45 Prozent der gültigen Stimmen zur neuen Präsidentin gewählt. Die 39-jährige Politikwissenschaftlerin ist politische Nachfolgerin des costa-ricanischen chavismo, eines namentlich verzerrten Vergleichs des bisherigen Präsidenten Chaves mit der in Venezuela von Hugo Chávez initiierten Volksbewegung. Ihre neue Partei Pueblo Soberano (dt.: Souverändes Volk) konnte sich eine starke Mehrheit für die kommende Legislaturperiode 2026-2030 sichern. Die LN berichten über die Hintergründe.
Die Situation in Costa Rica ist nach wie vor politisch und sozial angespannt: Zum dritten Mal in Folge erreichte die Zahl der Morde 2025 mit fast 900 Morden einen Rekordwert. Zweimal scheiterten Versuche, die Immunität des noch amtierenden Präsidenten Rodrigo Chaves wegen möglicher Wahlverstöße und Finanzkorruption aufzuheben. Dazu kam der aggressive Ton der Regierung: Politische Gegner*innen wurden nicht mehr als Rival*innen behandelt, sondern als Feind*innen. Das deutlichste Beispiel dafür ist die Bezeichnung der eher kritischen Medien und derjenigen, die der Regierung gegenüber skeptisch sind, als „Schurkenpresse“. Sachliche Debatten wurden dadurch zunehmend erschwert.
Die Spaltung im mittelamerikanischen Land zeigte sich dabei auf zwei Ebenen: symbolisch durch die aggressive Sprache und materiell durch die wachsende Ungleichheit zwischen Stadt und Land. Letzteres ist entscheidend, denn die starke Zentralregierung hat die ländlichen Regionen über Jahre hinweg vernachlässigt. Das Wahlergebnis sortiert nach geografischen Regionen verdeutlicht diesen Aspekt, den die Kampagne von Fernández von Anfang an instrumentalisierte. Vor allem in den vernachlässigten ländlichen und Küstenregionen erzielte Pueblo Soberano große Erfolge. Ironischerweise war es gerade die Regierung unter Chaves, die diese Regionen benachteiligte. Der chavismo verstand es jedoch, schnell andere Schuldige zu finden und einfache Lösungen zu versprechen. Dies lenkte von den eigenen Widersprüchen ab.
Chronik eines angekündigten Sieges
Diese Strategie ist nicht neu. In Argentinien, Bolivien, Chile oder den USA funktioniert sie ähnlich: Vereinfachende, oberflächliche und oft unwahre Versprechen werden verbreitet. Es entsteht eine Art „wir gegen die da oben“, anstatt die tatsächlichen Probleme anzugehen oder Schlupflöcher zu schließen. Wie LN bereits im Dezember 2025 berichtete, siehe LN 618, weigerte sich die Regierung von Chaves zunächst, Mittel für die Zivil- und Justizpolizei zu bewilligen. Sie verlegte die Ausbildungsstätte der Küstenwache in eine Stadt ohne Küste – bis heute ohne nachvollziehbaren Grund. Gleichzeitig genehmigte sie den Bau eines Mega-Gefängnisses nach dem Vorbild von El Salvadors Präsident Bukele, der zur symbolischen Grundsteinlegung persönlich vorbeikam.
Vor diesem Hintergrund begann der Wahlkampf eher verhalten, allerdings mit hohen Erwartungen der anderen Parteien sowie der organisierten Zivilgesellschaft. Die Bedeutung der Wahl wurde breit kommentiert und analysiert, insbesondere hinsichtlich möglicher institutioneller Folgen, darunter die politische Verfolgung durch den Staatsapparat. Der erste Reality-Check kam dann mit der Veröffentlichung der ersten Meinungsumfrage im Oktober 2025: Pueblo Soberano würde mit einer überwältigenden Mehrheit gegenüber den übrigen zwölf Kandidat*innen gewinnen. Die folgenden Umfragen bestätigten diesen Trend und verstärkten den Eindruck einer völligen politischen Entfremdung in der Gesellschaft – etwa 30 Prozent der Wähler*innen waren bis zur letzten Woche unentschlossen.
Erst im Januar nahm der Wahlkampf Fahrt auf. Alle Kandidat*innen außer Fernández kämpften um jede Stimme, wohl wissend, dass ein Kurswechsel fast unmöglich war. Die politische Auseinandersetzung gewann zunehmend an Intensität, insbesondere bei den Themen Korruption und Sicherheit. Fernández ging aber nur zu vier Debatten und rächte sich damit an den Medien, die ihrer Kampagne und auch Chaves weniger nahestanden. Stattdessen setzte sie auf intensive Basisarbeit, die mit viel Desinformation gespickt war, was die gesellschaftliche Spaltung weiter verstärkte. Über soziale Medien wurden beispielsweise Fake News über die Arbeit des Wahlamts verbreitet.
Hohe Wahlbeteiligung, wenig Spannung
Kurz vor der Wahl, als klar wurde, dass es keine zweite Runde geben würde, versuchten die Parteien, sich als beste Option für das Parlament zu präsentieren. In Costa Rica ist es üblich, bei der Präsidentschafts- und der Parlamentswahl unterschiedlich zu stimmen – eine Praxis, die als „Split-Voting“ bekannt ist. Anders als in Deutschland bilden sich im costa-ricanischen Parlament fragile, themenorientierte Koalitionen, während das Regierungsmandat beim Präsidentenamt verbleibt. Aus Sicht der Oppositionsparteien war es angesichts der Umfrageergebnisse wichtig, sich stärker auf die Sitze zu konzentrieren und sich als beste legislative Partei zu präsentieren, zumal Pueblo Soberano angekündigt hatte, 40 Sitze im Parlament erreichen zu wollen. Mit 40 Sitzen kann eine Partei die Verfassung ändern – etwa um Grundrechte einzuschränken oder unbegrenzte Wiederwahlen zu ermöglichen.
Trotz des neuen Fokus auf die Parlamentssitze kämpften zivilgesellschaftliche Gruppen und politische Oppositionsparteien weiterhin um eine mögliche Stichwahl. Auch noch kurz vor der Wahl wurden vielerorts Demonstrationen organisiert, die zur Wahlbeteiligung aufriefen. Die Botschaft der Proteste: Die demokratischen Institutionen müssen verteidigt werden. Tatsächlich war die Wahlbeteiligung mit 69 Prozent so hoch wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Das führte stellenweise zu Problemen: lange Schlangen, hitzige Diskussionen und einige Wähler*innen schafften es nur knapp, noch rechtzeitig ihre Stimme abzugeben. Doch am Ende blieb die Mobilisierung um einen zweiten Wahlgang erfolglos. Zum ersten Mal seit 16 Jahren wurde eine Wahl in der ersten Runde entschieden, was durch die Vielzahl der Parteien in der politischen Mitte schwieriger denn je geworden war. Nicht nur wurde Fernández zur 50. Präsidentin gewählt, sondern Pueblo Soberano stellt auch 31 Abgeordnete. Dies entspricht einer absoluten, wenn auch keiner qualifizierten Mehrheit. Sprich: die Regierungspartei kann viele der in ihrem Wahlkampf angekündigten Gesetzesreformen durchführen, denn formell benötigt sie dafür 28 Stimmen. Bei tiefgreifenden Strukturreformen wird es jedoch knapp, da Verfassungsreformen 38 Stimmen erfordern und von zwei verschiedenen Legislaturperioden ratifiziert werden müssen. Auch wenn Fernández zunächst nicht über die nötige Mehrheit für die anvisierten Verfassungsänderungen verfügt, kann sie dennoch wichtige Gesetze ändern und das populistisch-autoritäre Projekt von Chaves fortsetzen.
Das Wahlergebnis markiert Costa Ricas Eintritt in die populistisch- autoritäre Welle
Vier weitere Parteien werden im Parlament vertreten sein: die Mitte-rechts-Partei Liberación Nacional mit 17 Sitzen, die linksdemokratische Frente Amplio mit sieben Sitzen, die Mitte-links-Partei Coalición Agenda Ciudadana mit einem Sitz und die Mitte-rechts-Partei Unidad Social Cristiana mit einem Sitz. Es ist die konzentrierteste Machtverteilung seit dem Ende des Zweiparteiensystems 2006. Alle anderen Parteien haben dabei deutlich an Bedeutung und Wähler*innenstimmen verloren, sei es, dass sie Pueblo Soberano absorbiert oder überholt wurden. Die neu gewählte Opposition kündigte bereits an, einen „Pakt für die Demokratie“ bilden zu wollen, um zu verhindern, dass Pueblo Soberano Ausnahmezustände verhängt oder unbegrenzte Wiederwahlen ermöglicht. Diese Bemühungen haben jedoch schon vereinzelt begonnen. Fernández kündigte kurz nach der Wahl an, auf „Dialog und Konsens“ setzen zu wollen. Ihre Mehrheit gibt ihr genug Spielraum, um ihre Agenda ohne größere Hindernisse durchzusetzen. Dennoch bleiben viele dringende Fragen offen, darunter die Frage der Kontrolle von Gewaltkriminalität und der Umgang mit der offenbar institutionalisierten Korruption in Regierung und Justiz.
Rolle von Chaves wird entscheidend
Die Rolle von Chaves selbst ist dabei entscheidend. Er gilt als Hauptverantwortlicher für die Spaltung des Landes und seine Rolle in der kommenden Regierung ist noch ungewiss. Beobachter*innen gehen allerdings davon aus, dass er Teil von Fernández’ Kabinett wird. Zwei Gründe sprechen dafür: Einerseits die Kontinuität der politischen Narrative und andererseits der Schutz seiner Immunität, da gegen ihn mindestens ein Dutzend Ermittlungen laufen. Bezeichnenderweise holte er Fernández jetzt als sogenannte Präsidentschaftsministerin in sein Kabinett zurück – eine symbolische Geste, die angesichts des Kontextes nicht unbemerkt blieb.
Das Wahlergebnis markiert Costa Ricas Eintritt in die populistisch-autoritäre Welle, die bereits weite Teile Lateinamerikas erfasst hat. Das politische Projekt ist klar, das Drehbuch fast wortwörtlich kopiert. Die Auswirkungen könnten tiefgreifend sein und kurzfristig nicht umkehrbar. Die sozialpolitische Landschaft wurde am 1. Februar deutlich transformiert, was einen Wendepunkt für das demokratische Leben im Land bedeutet. Jedoch bleiben zahlreiche Fragen offen: Wie wird die Regierungsfraktion agieren? Welche Mehrheiten werden sich zu welchen Themen bilden? Ist die Opposition handlungsfähig jenseits der offensichtlichen Unterschiede? Wird es Volksabstimmungen geben, um Vorhaben durchzusetzen, die im Parlament scheitern würden? Und welche Rolle wird die Zivilgesellschaft spielen, um eine populäre und populistische Regierung in Schach zu halten?
Nummer 623 - Mai 2026
Wie Costa Rica zum Auffangbecken für abgeschobene Menschen wird
Die harte Einwanderungspolitik von Donald Trump hat schreckliche Folgen für Migrant*innen und US-Bürger*innen. Misshandlung, Gewalt und sogar Tötungen sind gängige Praxis der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) unter der Trump-Regierung. Die Regierung von Rodrigo Chaves erinnert indes daran, dass auch Nichtstun Politik sein kann. Als Folge der Einrichtung des sogenannten Escudo de las Américas (Wappen der Amerikas) bereitet sich das Land nun darauf vor, Menschen verschiedener Nationalitäten aufzunehmen, die aus den Vereinigten Staaten abgeschoben wurden. Der Fall eines Costa-Ricaners von empörendem Ausmaß hinterlässt dabei viele Fragen und ist exemplarisch für den Abschiebepakt, wie dieser Bericht zeigt.
Dezember 2024, Texas: Randall Gamboa Esquivel wird wenige Tage nach dem Überqueren der mexikanischen Grenze bei einer ICE-Razzia festgenommen. Er wird in eine Einwanderungshaftanstalt im Süden von Texas gebracht und einige Wochen später in das Bezirksgefängnis von Webb County in derselben texanischen Region verlegt. Bis Juni 2025 und während seiner gesamten vorherigen Haftzeit steht Gamboa täglich mit seiner Familie in Kontakt, überzeugt davon, dass seine baldige Abschiebung bevorsteht. Randall Gamboa reiste illegal in die USA ein, um im Nordosten des Landes, in der Gegend von New Jersey, Arbeit zu suchen. Dort hatte er bereits von 2002 bis 2013 neun Jahre lang ohne Aufenthaltsgenehmigung gelebt. Sein Plan war derselbe wie damals: das Land durchqueren und ein Netzwerk von Costa-Ricaner*innen kontaktieren, um zu arbeiten und Geld an seine Familie zu überweisen.
Dies ist eine gängige Praxis, und für manche Familien in Costa Rica macht sie den größten Teil des Haushaltseinkommens aus. Trennung und Entwurzelung sind der Preis, den diejenigen zahlen, die den sogenannten amerikanischen Traum suchen. Doch der damals 52-jährige Gamboa wird ins Valley Baptist Hospital eingeliefert, wo man ihn wegen angeblicher psychiatrischer Störungen behandelt. Einen Monat später, im Juli 2025, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand, und die Krankenakten weisen auf Unterernährung und toxische Enzephalopathie (Schädigung des Gehirns, die durch den Kontakt mit verschiedenen toxischen Substanzen ausgelöst werden kann, Anm.d.Red.) hin. Währenddessen hat Gamboas Familie den Kontakt zu ihm verloren und versucht, über das zuständige Konsulat Vermittlungsmaßnahmen einzuleiten. Jegliche Informationen treffen jedoch verspätet oder unvollständig ein. In ein künstliches Koma versetzt, wird Gamboa im September 2025 ohne vorherige Ankündigung in einem Ambulanzflug nach Costa Rica verlegt. Erst dann wird seine Familie informiert. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Krankenhaus in San José bringt man ihn in sein Elternhaus im Süden des Landes. Dort stirbt Randall Gamboa Esquivel im Oktober 2025.
Empörung und Verzweiflung
Der körperliche und gesundheitliche Zustand, in dem Gamboa transportiert wurde, ist noch immer nicht geklärt. Einige seiner Beschwerden lassen sich auf körperliche Gewalt und schlechte Haftbedingungen zurückführen. Doch all dies ist reine Spekulation. Die Chaves-Regierung hat über Außenminister Anroldo André ein Schreiben an das US-Sicherheitsministerium gerichtet. Eine offizielle Antwort steht noch aus. Das Land vertraut darauf, „dass die guten Beziehungen zwischen beiden Ländern sowie die Achtung des Völkerrechts und der diplomatischen Konventionen Bestand haben werden“. Die Familie hat privat rechtliche Schritte eingeleitet, denn die Maßnahmen der Chaves-Regierung haben die Aufmerksamkeit vom Verfahren abgelenkt und es damit faktisch ignoriert.
Im März dieses Jahres schloss sich Costa Rica der Gruppe der Länder an, die sich der interventionistischen Politik der Vereinigten Staaten unterwerfen. Rodrigo Chaves prahlt sogar mit seinen guten Beziehungen zu Donald Trump und betont, wie positiv sich diese für das Wirtschaftswachstum des Landes auswirken. Die makro- und mikroökonomischen Indikatoren des Landes spiegeln jedoch eine andere Realität wider. Jenseits der wirtschaftspolitischen Illusionen der Regierung lässt sich das wahre Gesicht von Chaves und seiner Nachfolgerin Laura Fernández am deutlichsten an der unterwürfigen Haltung erkennen, die er einnahm, als er lächelnd auf dem Foto zur Einweihung des Escudo de las Américas posierte.
Migrationsverfahren in der Kritik
Kristi Noem (ehemalige Leiterin des US-Ministeriums für Innere Sicherheit) war im März dieses Jahres als Sonderbeauftragte für die Region in Costa Rica zur Unterzeichnung eines Kooperationsmemorandums. Mit dem Sonderabkommen hat Costa Rica zugestimmt, Personen aufzunehmen, die in den USA wegen illegaler Einwanderung festgenommen wurden. Die Vereinbarung, die Costa Rica als „sicheres Drittland“ bezeichnet, sieht vor, dass das Land wöchentlich bis zu 25 von der Trump-Regierung abgeschobene Personen aufnehmen kann, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. In der ersten Aprilwoche traf der erste Flug mit Personen aus Guatemala, Kamerun, Honduras, Indien und China sowie aus Albanien, Kenia und Marokko ein.
Obwohl Costa Rica versichert, dass internationale Menschenrechtsabkommen bei allen Verwaltungsmaßnahmen stets als Maßstab herangezogen werden, bleibt unklar, unter welchen juristischen Bedingungen dieses System funktionieren soll. Laut dem Abkommen und den Bestimmungen der costa-ricanischen Migrationsbehörden in Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) haben die Betroffenen die Möglichkeit, im Rahmen eines speziellen Asylverfahrens im Land zu bleiben oder in ihre Herkunftsländer zurückzukehren. Die Infrastruktur ist jedoch noch nicht vollständig auf diesen Prozess vorbereitet, der Übersetzungen, Kommunikation und rechtliche Vermittlung umfasst.
Zuvor hatte das deutsche Unternehmen Faber-Castell in einer ungewöhnlichen Aktion das Land öffentlich beschuldigt, eine alte, für humanitäre Zwecke gespendete Fabrik, als Haftanstalt für abgeschobene Personen zu nutzen. Die Regierung wies diese Beschuldigungen unbegründet zurück. Bis zum Redaktionsschluss sind in Costa Rica drei Flüge mit insgesamt 80 inhaftierten Personen eingetroffen, darunter mindestens acht Costa-Ricaner*innen. Laut offiziellen Mitteilungen wird die Mehrheit in ihre Herkunftsländer zurückgebracht, während die zweitgrößte Gruppe erklärt, nicht in ihre jeweiligen Länder zurückkehren zu wollen. Auch hier werden die Informationen weiterhin zurückgehalten, mit der Begründung, die Identität und die Rechte der Betroffenen zu schützen. Die Regierung verwendet dies jedoch als Vorwand, um die Haft- und Verfahrensbedingungen geheim zu halten.
Der Fall Randall Gamboa ist noch lange nicht geklärt, und fast ein Jahr nach Beginn der Ereignisse, die zu seinem Tod führten, scheinen weder die Regierung Costa Ricas noch die der USA daran interessiert zu sein, eine Lösung anzubieten. Zynischerweise unterwirft sich die costa-ricanische Regierung der Macht der USA, um Trumps von Gut und Böse geprägter Weltsicht in der Migrationspolitik zu gefallen, und öffnet damit Tür und Tor für Unregelmäßigkeiten in undurchsichtigen Einwanderungsverfahren. Darüber hinaus wurde das Abschiebeabkommen von Universitäten, Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen heftig kritisiert. Würde und Menschenrechte treten in den Hintergrund, während Unterwürfigkeit zur Staatspolitik wird.